Erstkommunionvorbereitung

Das Motto


Ich bin da, wo du bist

Eine Einführung in das Jahresthema von Jan Woppowa

Erstkommunion-Motiv 2014: Ich bin da, wo du bist. Ist das nicht eine anmutige Idylle? Ein Hirte inmitten seiner Herde. Friedliche und neugierige Lämmer, grasende Schafe. Saftige Wiesen, frisches klares Wasser und grünende Birken, blauer Himmel, eine liebreizende Landschaft. Der Hirte selbst glücklich und zufrieden, in sich ruhend, eins mit der Welt, die ihn umgibt. Nicht einmal einen Hütehund scheint er zu benötigen, so treu sind seine Schafe. Aber: So erfrischend neugierig das kleine Lamm im Zentrum des Bildes von Katrin Engelking der Betrachterin, dem Betrachter entgegen blickt, so fragend ungläubig schaut es auch drein angesichts dieser schier unglaublichen Harmonie. Je länger mein Blick auf ihm ruht, desto fragwürdiger wird mir diese ganze Szene. Ist das nicht eine realitätsferne Illusion? Ein Hirtenleben in der totalen Abgeschiedenheit einer intakten Natur ohne Hochspannungsleitungen, Windräder und Biogasanlagen im Hintergrund? Ein Hirte, der sich mehr in Selbstzufriedenheit zu verlieren als hart zu arbeiten scheint? Einen anspruchsvollen Alltag haben Hirten doch wohl: immer unterwegs auf der Suche nach Futterplätzen, jedem Wetter ausgesetzt, kranke Tiere versorgend, verantwortlich für jedes einzelne von ihnen. Und was ‚denkt‘ eigentlich das kleine, neugierig ungläubige Lämmchen: Hat es nicht selbst gestern erst beim neugierigen Erkunden der Umgebung den Anschluss an seine Herde verpasst und einige Stunden in Todesangst verbracht? Und was ist mit seinem noch viel zu jungen Herdengenossen, der in der letzten Woche vom Wolf gerissen wurde? – „Er ist mein Hirte, mir fehlt nichts, er lässt mich liegen auf grünen Wiesen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser …“ – Kann es sich darauf noch verlassen?!

Ein „guter Hirte“ zu sein ist eine echte Aufgabe, die erlernt werden will. Ein „guter Hirte“ steht in der ständigen Erwartung ‚seiner Schafe‘, die sich in seiner Verantwortung wissen. Die Figur des guten Hirten begegnet uns vielfach in den Schriften des Alten und Neuen Testaments und vermag die Menschen bis heute anzusprechen. Wider alle Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit unserer gegenwärtigen Welt, vielleicht aber auch gerade deshalb. Wahrscheinlich ist es die auf den ersten Blick irreal scheinende Harmonie, die im Kontrast zu den disharmonischen Erfahrungen unseres Alltags heilsam und beruhigend wirkt. Die überschaubare Herde wider die überfordernde und beängstigende Vielfalt unserer Zeit. Die entspannende Ruhe der Natur wider den hektischen Lärm der Stadt. Genau diesen Moment des positiven Widerspruchs hat die Illustratorin in ihrem Grundmotiv für das diesjährige Erstkommunionmotto ausgedrückt. Auch die Menschen der Bibel, die Menschen aus der Glaubensgeschichte des Volkes Israel wie der noch jungen Jesusgemeinde, haben Angst, Verlust, Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit erfahren. Sie haben aber ebenso die Gegenerfahrung des guten Hirten gemacht. Das lehrt uns betend der Verfasser der Psalmen, der mit dem Hirtenalltag wohl noch besser vertraut war als wir Heutigen (vgl. Ps 23). Schon früh wurde der Titel des guten Hirten für altorientalische Herrscher verwendet und metaphorisch gebraucht, um auf den Aspekt der Fürsorge und des Schutzes der Untergebenen hinzuweisen. Deshalb wurde der Hirtenstab zum Element der Herrscherinsignien (vgl. Gen 49,10; Num 24,17; Ps 110,2), der Krummstab von Bischöfen und Äbten ist uns auch heute noch vertraut. Fürsorge und Schutz bedeuten die Übernahme von Verantwortung, schließen allerdings auch ein diesbezügliches Versagen mit ein. Spätestens dann zeigt sich die Dramatik des Hirtenamtes, wenn er der eigenen Verantwortung nicht mehr gerecht wird, wenn die Schafe ‚unter die Wölfe fallen‘ und verloren gehen. Diese harte Realität ist in unser Motiv unbedingt mit hineinzusehen. Denn solche ‚schlechten Hirten‘ gab es auch zur Zeit des Volkes Israel, insbesondere während und nach der Exilszeit (vgl. Jer 10,21; 23,1f; 50,6; Jes 56,11), so dass Israels Gott JHWH sich selbst als den guten Hirten ins Spiel gebracht hat. So erzählt uns in starken Worten der Prophet Ezechiel (vgl. Ez 34, 10ff; vgl. auch Sach 10,3). Als guter Hirte ist der Gott Israels seiner Zusage und seinem Namen, den er Mose am Dornbusch offenbart hat, treu geblieben: „Ich werde dasein, als der ich dasein werde.“ (Ex 3,14 nach der Übersetzung von Buber/Rosenzweig). Uns Christen wird diese bleibende Kontinuität der Gottesgegenwart in Jesus von Nazareth, dem Immanuel (= „Gott ist mit uns“, vgl. Mt 1,23) versprochen. In Jesus, dem verheißenen Messias, dem neuen König und Friedensstifter, haben die Menschen Gott erfahren. In ihm ist ihnen der Gott der Väter selbst Mensch geworden. Von daher ist es folgerichtig, dass für die frühen Christen nun ihr Christus Jesus selbst zum guten Hirten geworden ist. Er verkörpert nicht nur, er ist sogar Gottes Gegenwart – radikal bis zu seiner Lebenshingabe im Dienst der Menschenfreundlichkeit Gottes: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11). Der gute Hirte ist dann zum viel verwendeten Motiv frühchristlicher Kunst geworden, wie auch das Bild aus der Priscilla-Katakombe in Rom (3. Jh.) zeigt. So spannt sich ein weiter, fast zweitausendjähriger Bogen christlichen Lebens und Glaubens bis zum guten Hirten Katrin Engelkings: „Ich bin da, wo Du bist.“ lautet der tröstende Zuspruch, ja die Lebensversicherung des Gottes Mose, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs und des Vaters Jesu an die Menschen bis heute. Mit dieser einfachen und zugleich schwergewichtigen Botschaft können und dürfen wir alle leben, ob jung oder alt, ob klein oder groß. Daran erinnert uns das diesjährige Motiv und Motto. Wie könnte man bei der Erstkommunion besser den Weg in die christliche Gemeinschaft finden und gehen, als mit diesem Wort im Ohr: „Ich bin da, wo Du bist.“ Und wenn du es so richtig verinnerlicht hast, wenn es dir wirklich inwendig geworden ist, frag dich einfach mal selbst: Wem bin ich eine gute Hirtin? Wem bin ich ein guter Hirte?
Das Vorbereitungsteam
Sonja Wencel  Stephanie Thum  Carsten Lener